Solo auf dem Hexenstieg

Bildquelle: privat

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Eine Wandertour im Harz vom 14.-18. Mai 2018 in bewegten Bildern und einigen Worten, mit nächtlichen Begegnungen und vielen Naturerfahrungen

Los geht’s.

Die Deutsche Bahn hatte mich via Braunschweig nach Osterode befördert. Dort gab es Schnitzel mit Spargel als spätes Frühstück, dann war es Zeit für den Start auf dem Harzer Hexenstieg. Und der Beginn der 1. Etappe hatte es gleich in sich: 1,5 Kilometer ging es nur bergauf, bei praller Mittagshitze. Meinen Rucksack hatte ich mit Blei ausgegossen, so fühlte er sich dank der mitgeschleppten 4 Liter Wasser zumindest an. Ächzend und keuchend buckelte ich die Kilometer herunter, mein Spaß war sehr überschaubar. Jedoch hielt mich die Aussicht auf meine erste Freiluftübernachtungsstätte bei Laune – und die war dann auch absolut grandios. Kurz hinter Buntenbock, direkt am Ziegenberger Teich fand meine neue Isomatte ihren ersten Lagerplatz. Was für ein traumhafter Ort! Zwar durfte ich feststellen, dass mein wirklich winziger und wunderbar leichter Schlafsack das Wärmevermögen einer handelsüblichen Plastiktüte noch unterbot, aber das war mir wurscht. Also fast. Den phänomenalen Ausblick auf den frühmorgendlichen See ließ ich mir von meinem Gebibber nicht vermiesen. #warmegedanken

Tag 2: Über Altenau nach Torfhaus

Mittlerweile war ich richtig im Wald angekommen. Die Wege der 1. Etappe waren eher langweilig gewesen, jetzt spürte ich echtes Wandergefühl. Davon wurde mir allerdings eine ganze Menge beschert, weit mehr als geplant. Da der fiese Sturm „Friederike“ im Januar in großen Teilen des Harzes heftigen Schaden angerichtet hatte, waren auf dieser und den nächsten Etappen mehrere Abschnitte des Hexenstiegs nicht begehbar. Teilweise sah es dort aus wie ein Waldkriegsgebiet. An diesem Tag wurden mir daher einige Extrakilometer durch eine Umleitung geschenkt. Meine Freude hielt sich insbesondere im rechten Knie deutlich in Grenzen. Aber irgendwann erreichte ich dann doch meinen geplanten Zielort kurz hinter Torfhaus. Fix vom Weg direkt in den Wald abgebogen, das Tarp aus dem Rucksack geholt, einige Bäume als Befestigung auserkoren – und fertig war das Nachtquartier. Und dies auch keine Sekunde zu früh, denn sogleich setzte der Regen ein. Die Nacht mitten im Wald war wunderschön. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Besuch, der sich an meinen rechten Arm gelegt hatte. Wer oder was es war? Keine Ahnung. Als ich – in einer Mischung aus Verwunderung, Neugier und Angst wissenschaftlichem Interesse – die Schlafsackkapuze beiseite geschoben hatte, war er/sie/es auch schon wieder weg. Eine Hexe? Ein Fuchs? Ein Hase? Ich weiß es leider nicht. Und gleich darauf war ich erneut eingeschlafen. #ignorethefear

Tag 3: Abkürzung nach Schierke

Da mir ein entgegenkommender, reichlich durchnässter Wandersmann dringend vom Aufstieg zum Brocken abriet („Dichte Nebelsuppe da oben, man sieht rein gar nix. Und es regnet wie Sau.“), nahm ich eine Abkürzung nach Schierke. Dort wartete ein echtes Zimmer mit Wänden auf mich. Und eine Dusche. Ansonsten war diese Etappe wenig aufregend. Bemerkenswert: die Einwohner von Schierke hatten den Charme eines konsequent fremdenfeindlichen Bergvolkes. Dafür war mein Bett bequem und die Dusche tat ihren Zweck. #waswirklichzählt

Tag 4: Am Fluss entlang nach Altenbrak

Eigentlich solle dies die Königsetappe sein. Da jedoch Friederike auf diesem Wegstück den heftigsten Schaden angerichtet hatte und selbst Umgehungen nicht ohne Kettensäge und Machete passierbar waren, war spontanes Umplanen angesagt. Dies führte mich ins Taxi von Herrn Hiller, der mich auf der Fahrt zur Wendefurther Talsperre mit Wandergeschichten aus Grönland und Norwegen bestens unterhielt. Von dort aus war es nur noch ein kurzer, dafür richtig schöner Marsch entlang der Bode bis nach Altenbrak, mit einem kurzen Abstecher zum Stemberghaus. #harzerjodelmeister

Tag 5: Finale in Thale

Die letzte Etappe durchs Bodetal war ein grandioser Abschluss dieser Tour: Um mich herum ganz viel entspannte und entspannende Natur. Perfekt, um das Hirn komplett ruhig zu stellen, den Gedanken freundlich „Hallo!“ zu sagen und die Füße einfach laufen zu lassen, während der Fluss neben mir dahinplätscherte. Ganz bei sich selbst sein? In der Natur ankommen? Das ist irgendwie dasselbe. #natürlich

Solo-Revue: ein Fazit

Im Wandern steckt für mich so viel Metaphorik: Wie viele Menschen laufen gehetzt und immer nur mit dem Blick auf die Uhr durch ihr Leben? „Wie lange muss ich noch?“ Wie ferngesteuerte Effizienzroboter sprinten sie und sind dann stolz, die Wegstrecke in neuer Bestzeit bewältigt zu haben. Ob genau diese Menschen auch am Ende ihres Lebens zurückblicken und sich auf die Schulter klopfen: „Wow, ich hab das alles in weniger als 65 Jahren geschafft – neuer Rekord!“?

Durch den Wald hecheln mit einem Wahrnehmungsradius von maximal 15 Metern, den Blick fest auf die Pulsuhr gerichtet? „Wie viel muss ich noch bis zum Ziel?“ Kenne ich „bestens“, sowohl zu Fuß, als auch im Wasser und auf dem Rad. Oder alternativ: „Die nächste Etappe schaffe ich in unter 6 Stunden!“ Kommt mir ebenfalls bekannt vor. Beim Beachvolleyball wiederum hatte ich es geschafft, komplett den Spaß am Spielen zu verlieren, weil ich immer mehr trainiert habe. Um besser beim Spielen zu werden. Dasselbe geschieht auch außerhalb vom Sport gar nicht mal so selten. Willkommen in Schizophrenia. 

Sich mit 20 Kilo auf dem Rücken im Himalaya durch eine Etappe zu quälen oder mit kaputtem Knöchel bei Dauerregen in Island einen Gletscher zu überqueren, um die eigenen Grenzen kennenzulernen, kann eine interessante Erfahrung sein. Diesen Zustand dauerhaft im Alltag zu haben? Das würde ich eher nicht empfehlen. 

Die Wanderung durchs eigene Leben wird immer wieder Hindernisse und auch harte Zeiten bereithalten. Es liegt in unserer eigenen Hand, ob wir auf den Weg vor uns schauen und hoffen, ihn möglichst fix hinter uns zu bringen oder uns mit Dankbarkeit über jeden Meter freuen, den wir gehen und erleben dürfen.

  • Losgehen

  • Innehalten

  • Genießen statt leiden

  • Achtsam den Weg beschreiten (Ausrutschen ist echt uncool)

  • Das richtige Gepäck dabei haben (Ängste, Sorgen, anderen Ballast und vor allem Ärger möglichst vorher aussortieren, denn wer will beim Wandern schon nachtragend sein?)

  • Sich immer wieder bewusst machen, dass man den aktuellen Weg frei gewählt hat, ihn akzeptieren oder erneut frei und selbstbestimmt ändern.

Das sind einige der Gedanken, die einem bei fünf Tagen in der Natur so durch den Kopf gehen.

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Während ich das schreibe, sitze ich im Zug nach Berlin. Nach so viel schöner Natur hält sich mein Verlangen nach Großstadt momentan deutlich in Grenzen. Das war meine erste mehrtägige Solo-Tour. Und sie hat richtig Spaß gemacht. Es wird sicher nicht die letzte gewesen sein.