Human Doing oder Human Being?

Bildquelle: Pixabay

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Gleich vorweg: Ich bin kein großer Freund von Achtsamkeit. Vielmehr bin ich ein glühender Anhänger. Und genau deswegen hinterfrage ich diese Art des Daseins immer wieder. Hinsichtlich der Weisen und Wege, wie sie in die Welt transportiert und vermittelt wird, auch auf ihre „Praxistauglichkeit“ hin.

Sieben auf einen Streich

Jon Kabat-Zinn ist einer derjenigen Menschen, die für die Verbreitung von Achtsamkeit, insbesondere als „Mindfulness-based Stress Reduction“ (kurz: MBSR), einen großen Beitrag geleistet haben. Von ihm stammt die Frage, ob wir „human doings“ oder „human beings“ sein wollen. Die Antwort hierauf liegt jeweils ganz bei uns und ist in jedem Fall eine sehr persönliche Entscheidung. Und von Kabat-Zinn wurden auch die folgenden 7 Prinzipien zusammengestellt, die als Grundlage von Achtsamkeit gelten.

  1. Non-judging

  2. Patience

  3. A beginner’s mind

  4. Trust

  5. Non-striving

  6. Acceptance

  7. Letting go

Vertrauen (4) und Geduld (2): Ja, absolut! Es gibt wohl nur wenige Situationen, in denen Unruhe und Misstrauen – einzeln oder in Kombination – eine gute Wahl wären. Und genau damit kommen wir zu meinem ersten Kritikpunkt an diesen 7 Prinzipien für den Alltag.

Vorurteile gegenüber Urteilen?

„Non-judging“: Kann und sollte man vollständig ohne zu (be-)werten durchs Leben gehen? Nach meinem persönlichen Verständnis (vielleicht Missverständnis) liegt ein immenser Unterschied zwischen Urteilen, Vorurteilen und Verurteilen. Ersteres ist gemeinhin die Übersetzung von „judging“, Zweiteres ist selten gut und das Dritte jedoch wohl eher gemeint. Kann ein Mensch über eine Straße gehen, ohne das Urteil zu fällen, dass die Fahrbahn frei, dass die Ampel grün ist? Können wir selbstbestimmt und selbstwirksam sein, ohne jemals eine Wahl und damit Entscheidung zu treffen? Oder ist etwas anderes damit gemeint? (Vielleicht haben wir ja die Wahl.)

Anfängergeist oder Erfahrungsgedächtnis?

Weiter geht es mit dritten Prinzip: Kann man – im Arbeitskontext wie auch in verschiedensten privaten Situationen – auf selbstgemachte Erfahrungswerte komplett verzichten und permanent seinen „Anfängergeist“ aktiv halten? (Dieser Ausdruck stammt vom Zenmeister Shunryū Suzuki, der unten in den Literaturempfehlungen auf Sie wartet.) Passt das mit unserem Unterbewusstsein zusammen, das auch „emotionales Erfahrungsgedächtnis“ genannt wird und eine sehr hilfreiche Quelle für unser Leben darstellen kann, sofern wir den bewussten Kontakt dorthin herstellen? (Jenseits von rein spirituellen Pfaden kann man sich gerne auch wissenschaftlich-fundiert auf die Theorie der somatischen Marker nach António Damásio beziehen.) Ist nicht genau das, dieses Hinhören in uns tief hinein, jenseits von lauten Gedanken und impulsiven Emotionen, dieser Kontakt zu Intuition und echtem Bauchgefühl, ein entscheidender Aspekt von Achtsamkeit? Was sagt unser „beginner’s mind“ dazu?

Ein erstrebenswerter Zustand?

„Non-striving“: Kabat-Zinn hat eine wunderschöne, weil so punktgenau zutreffende Formulierung geprägt, nämlich dass wir Menschen uns zumeist der Realität entsprechend als „Human Doings“ bezeichnen sollten. Nichtstun? Einfach so? Das hat doch keinen Sinn! Auch hier möchte ich erneut einhaken und hinterfragen, ob dieses Prinzip des Nichtstrebens auch tauglich für Erwerbstätige ist. „Liebe Chefin, lieber Chef, ich bin heute ganz achtsam und werde daher einfach gar nix tun.“ Ist das damit gemeint? Einfach „being“, einfach mal nur sein. Nicht nach irgendetwas streben. Das klingt großartig. Und passt das auch für die Zeit von 9 bis 17 Uhr? Oder steckt womöglich eine etwas andere Idee dahinter – was meinen Sie, liebe Leserin und lieber Leser?

Ist Achtsamkeit ein 24/7-Konzept? Eine Maxime für den ganzen Tag? Sollen wir nicht-wertend durch unser gesamtes Leben gehen, alle Erfahrungen fahren lassen, sie von uns weisen und ohne Bemühen stets „doing“ durch „being“ ersetzen?

So ist’s doch nicht gemeint!

„As long as you are breathing there is more right with you than wrong with you.“
(Jon Kabat-Zinn in „Mindfulness for Beginners“)

Liebe Leserinnen und Leser, ich gehe davon aus, dass Sie gerade atmen. Bitte behalten Sie das bei. 

Nicht (be- oder ver-)urteilen: Worauf richten wir dabei den Fokus? Auf die Außenwelt oder unser eigenes inneres Erleben? In welchem dieser Räume halten wir uns auf? Können (oder müssen) wir dazwischen wählen? Und besteht überhaupt ein Unterschied?

Nicht streben: Wie viel Zaumzeug braucht unser Ego, damit es uns gut geht? Wer sind wir eigentlich jenseits dieses ständig aktiven und so strebsamen Egos, das sich gerne mit Glaubenssätzen füttern lässt? Und überhaupt: Sind wir Herrin oder Herr in unserem gelegentlich sehr autonom fahrenden Fahrzeug namens Egomobil, das von Gedanken, Wünschen, Sorgen und ganz viel Wollen angetrieben wird? Sofern Sie wirklich den großen Teil des Tages über Ihr eigenes Navigationsgerät sind und alle Entscheidungen Ihres täglichen Handels ganz bewusst treffen: herzlichen Glückwunsch.

Back to work

Ja, natürlich ist Achtsamkeit mittlerweile ein inflationär miss- gebrauchtes Wort. „Mehr Effizienz durch Achtsamkeit!“ Die neueste Achtsamkeits-App ist da! Achtsam hier und achtsam dort. Bekomme ich dadurch meinen Traumjob oder endlich mehr Gehalt? Oder akzeptiere ich (Prinzip Nr. 6) den Zustand?

Nach meinem eigenen Verständnis ist Achtsamkeit ein absoluter Selbstzweck. Kein „um zu“ oder „damit“ steht als Effekt dahinter. Oder vielleicht doch? Die Lebensqualität verbessern oder wiederherstellen? Eigentlich klingt das recht nett. Den Zugang und Kontakt zu sich selbst erhalten und vertiefen? Auch das wäre dann ja doch wieder ein Selbstzweck. An und für sich. 

Achtsamkeit ist Arbeit, keine Frage. Übung macht auch hier die Meisterin und ebenso den Meister. Einfach so per Zauberpille klappt das nicht. Und es steht in keinem Übungsprogramm oder Trainingsplan, dass man rund um die Uhr volle Kanne achtsam sein muss. Falls doch: Plan- und Programmwechsel?

Noch oder schon ganz bei Sinnen?

Achtsam zu sein bedeutet Mut zu haben. Nicht immer ist es „schön“, was wir wahrnehmen und erleben, wenn wir mit allen Sinnen bewusst in uns hineinschauen und vor allem: fühlen. Noch unschöner ist es jedoch, wenn wir all das ignorieren, was dort gesehen werden möchte. 

Hier tut sich leider nach meiner Meinung in vielen Achtsamkeits- und MBSR-Programmen eine Lücke auf: Menschen werden in diesen Raum der (für sie oftmals neuen, unbekannten oder manchmal nur zögerlich wiederentdeckten) Wahrnehmung von sich selbst hineingeführt und dann mit dem, was sie dort erleben, meist allein gelassen. „Das sind sie doch sonst auch!“ Ja, aber. Ja, und? Und das mag vollkommen richtig sein, gleichzeitig erscheint es mir schon so, als wenn der Bergführer seinen Kunden auf den Gipfel begleitet und der dann alleine zusehen kann, wie er wieder herunter kommt. (Der Kunde, nicht der Gipfel.) Wobei: „letting go“ steht ja als siebter und letzter Punkt dort oben in der Liste. Na gut, akzeptiert.

Aber, aber ... das hier ist ein rein subjektives und recht spontanes, keineswegs vollumfängliches Statement zu Achtsamkeit in aller epischen Breite oder Tiefe. Vielmehr eine wilde, wirre Ansammlung von ungeordneten Reflexionen. Und natürlich ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. Oder sind wir es auch füreinander? Vielleicht trifft sogar beides zu. Achtsam miteinander? Das wär‘ ja noch schöner!

Zum Abschluss

„Writing can be an incredible mindfulness practice.“ (Jon Kabat-Zinn)

Schreiben, insbesondere in der intuitiven Version, ist tatsächlich eine ganz großartige Tätigkeit. Und Lesen hoffentlich auch. Ebenso das Denken. Wenn wir voller Achtsamkeit und Bewusstheit denken, wenn es uns nicht „einfach so passiert“, wenn wir nicht im wahrsten Sinne „gedankenverloren“ sind, so ist auch dies eine ganz wunderbare Fähigkeit.

Daher freue ich mich sehr auf Reaktionen, Feedback und Kritik zu diesen Zeilen. Meinungen und Beurteilungen, mit Kopf, Bauch und Herz, sind ganz herzlich willkommen. (Lediglich schlimme Schimpfwörter, Pilze und Chihuahuas sind es nicht.)


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Literaturempfehlungen

  • „Zen-Geist Anfänger-Geist“ von Shunryū Suzuki

  • „Mindfulness for Beginners“ von Jon Kabat-Zinn

  • „Die innere Ruhe kann mich mal“ von Fabrice Midal

  • „Stille: Ein Wegweiser“ von Erling Kagge

  • Sehr vieles von Eckhart Tolle (genau: Jetzt!)

  • Einfach alles von Alan Watts und Anthony de Mello

Zusätzliche Gedanken auch zu Achtsamkeit, mehr Ruhe im Kopf und weniger Kram, zu Sein & Haben und einigen anderen Themen gibt es in „Impulse zur eigenen Veränderung“:

 
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