In Zeiten des Wandels: Veränderung und Angst

Bildquelle: Pixabay

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Ob es um Digitalisierung, Veränderung von Organisationen im Wettbewerbsdruck oder um die persönliche Entwicklung eines einzelnen Menschen geht: Veränderung ist sehr häufig mit dem Gefühl der Angst verbunden.

Die Angst vor dem unbekannten Neuen ist nicht immer rational, das ist sie selten. Nichtsdestotrotz ist sie nun mal da – ob berechtigt oder nicht, sie existiert.

Noch viel zu selten wird sie angesprochen oder ausgesprochen. „Das gehört einfach zum Geschäft. Sollen sich die Beschäftigten nicht so haben, ist schließlich kein Ponyhof hier. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.“ Oder auch: „Veränderungen sind schmerzhaft, da musst du jetzt durch.“ Vermeintlich kluge Worte im Sinne von wenig empathischen Dienstanweisungen sind schnell bei der Hand. Nur geht dadurch die Angst nicht weg.

Vielmehr verstärkt sich durch genau solche Reaktionen – gerne auch uns selbst gegenüber – das Gefühl der Unsicherheit meist nur noch. Sich einfach mal zusammenreißen? Klar, das geht. Mit dem erforderlichen Adrenalinausstoß, wenn einem der Säbelzahntiger Auge in Auge gegenübersteht und zögerliches Verhalten eher unpraktisch wäre.

Aber Fluchtreflexe oder aggressive Reaktionen sind es ja wohl eher nicht, die wir für uns selbst oder unsere Organisation in grundlegenden Veränderungssituationen hervorrufen wollen.

Mein Freund?

In seinem Buch „Die Angst, dein bester Freund“ schreibt der Extrembergsteiger Alexander Huber: „Zum Glück habe ich Angst! Denn die Angst ist unser bester Freund in den Bergen. Ein hoffentlich treuer Freund, der uns mahnt, lenkt und leitet.“

Nun sind wir jedoch nicht alle in den Bergen. Und noch entscheidender: Herr Huber sucht sich die Situationen meist selbst aus, in denen er dann diese Angst empfindet.

Diese zugrundeliegende Freiheit ist hierbei sehr entscheidend. Denn sie bringt zumeist eine Akzeptanz der Situation mit sich. Doch nicht immer haben wir uns freiwillig und wissentlich in eine Ausgangslage gebracht, die eine angsteinflößende Veränderung von uns erfordert.

„Menschen wehren sich nicht gegen Veränderung, sie wehren sich dagegen verändert zu werden.“ (Peter Senge, Organisationsberater und Senior Lecturer of Behavioral and Policy Sciences am MIT)

Auf ins Ungewisse?

Gelingt es uns eine neue Situation zu akzeptieren? Selbst wenn sie nicht von uns herbeigewünscht wurde? Wir sitzen nicht immer am Ruder unseres eigenen Lebens, weder im Job, noch im Privatleben. (Zumindest empfinden wir es nicht immer so.) Und dann sollen wir uns auch noch verändern? Und wir wissen doch gar nicht so genau, wohin die Reise gehen wird?

Für manche Menschen klingt das toll. „Auf ins Ungewisse!“ Für viele jedoch führt diese Unsicherheit zu Angst und Sorgen. Und Sicherheit ist nun mal ein menschliches Grundbedürfnis.

Man kann kein Problem lösen, dessen Existenz man verleugnet. Man kann sich einer Herausforderung ganz sicher nicht stellen, wenn man so tut, als wäre sie nicht da.

Nun kann man argumentieren, dass Veränderung nicht ein Teil des Lebens sei. Sondern dass Veränderung und Leben ein und dasselbe sind. Veränderung IST Leben. Nur: Geht davon die Angst weg?

Angst als Freund zu akzeptieren und zu begrüßen, so wie Alexander Huber es vorschlägt, kann uns helfen, in schwierigen Situationen nicht unbedacht und leichtfertig zu handeln. Wenn sie uns jedoch lähmt, ist es sehr ratsam erst einmal innezuhalten. Sich die Angst anzuschauen, sie als unsere Emotion ernst zu nehmen und danach bewusst und aufrichtig zu akzeptieren, dass sie existiert und hilfreich sein kann.

Bei Tageslicht?

Umso wichtiger ist es, über die Angst zu sprechen. Sie nicht beiseite zu schieben, sie nicht wegzudrücken in eine versteckte, dunkle Schublade.

Wenn man sie mit Ruhe, Gelassenheit und einer Portion Grundvertrauen bei Tageslicht betrachtet, verliert Angst oft viel von ihrem Schrecken. Allerdings tun wir das sehr selten. Zu selten. Und nicht immer gelingt uns dies alleine. Und wer spricht schon gerne offen über Ängste? Aber es hilft. Versprochen.

Diese Gedanken über den Umgang mit Angst sind überhaupt nicht neu. Ich halte es jedoch für lohnenswert – im globalen Kontext, in großen wie kleinen Organisationen und für jeden Menschen –, sie immer wieder auszusprechen und den gesunden Umgang mit Angst zu thematisieren.

Wie gehen wir mit Angst um? Erlauben wir uns selbst, sie zu haben? Erlauben wir es anderen? „Was mich nicht umbringt, das macht mich stärker.“ Das hat Friedrich Nietzsche gesagt und es mag durchaus stimmen. Doch muss Veränderung denn weh tun? Gibt es zwischen Tod und Stärkerwerden vielleicht einen charmanten Bereich zur angst- und schmerzfreien Entwicklung hin zum Neuen? Ich bin mir sicher, dass die Antwort „ja“ lautet.

Alles gesagt?

Natürlich habe ich jetzt zum Ende dieses Beitrags hin die Sorge, dass ich ganz viele Gedanken nicht ausgesprochen und sehr wichtige Aspekte nicht beschrieben habe. Dieses Risiko gehe ich ein, damit muss und kann ich leben. Aber vielleicht bringt der eine oder andere Satz dem Einen oder Anderen eine Anregung. In diesem Sinne:

„Das Gegenteil von Angst ist nicht Sicherheit, sondern Toleranz für Risiken.“

(Steve Ayan, Psychologe und Wissenschaftsredakteur)