Memento mori: Tod oder Freiheit? Es ist unsere Wahl (schon im Leben).

Bildquelle: Pixabay

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Es ist nicht sehr üblich über den Tod zu sprechen. Viele Menschen haben Angst vor diesem Thema – manchmal so sehr, dass sie darüber das Leben vergessen. Das große Nichts oder die ultimative Freiheit? Am 21. Februar 2019 darf ich für The School of Nothing im „now“ in Berlin zu diesem Thema einen Abend gestalten und moderieren. Hier sind vorab schon einige eigene Erfahrungen und Betrachtungen zur Einstimmung.

„Memento mori“ bedeutet „bedenke, dass du sterblich bist“. Dieser Satz wurde den siegreichen Heerführern bei ihrer Rückkehr nach Rom ins Ohr geflüstert. Gemäß Rudolf Steiner gibt die Geburt uns die Möglichkeit für Liebe – während der Tod Freiheit gewährt. Aber müssen wir warten und wirklich erst sterben, um diese Freiheit zu erfahren?

Tödliche Beleidigungen und wahre Todsünden

Zunächst einige persönliche Erfahrungen zu diesem Thema: Ungefähr sechs Jahre alt muss ich damals gewesen sein. Ich lag in meinem Bett und war tödlich beleidigt, im besten Sinne dieser Worte. Vermutlich beeinflusst durch die eine oder andere Geschichte, vorgelesen von meiner Mutter, über Prinzen, Könige, Rittersleute oder andere Gestalten, hatte ich mir ein ungefähres Bild von diesem Konstrukt namens „Tod“ gemacht. In dieser wirklich miesgelaunten Stimmung lag ich also da und grämte mich. Bitterlich. Ich hatte verstanden, dass man – selbst damals ohne Internet – durch Geschichtsbücher und ähnliches Material sogar zu dieser Zeit in den späten 1970er Jahren an jeden beliebigen Tag in der Vergangenheit reisen konnte. Was war los am 5. Juli 1424 im nördlichen Regensburg? Das ließ sich auch offline gut nachvollziehen. Aber dass ich selbst nicht erleben sollte, was am 21. August im Jahr 2137 passieren wird? Diese Erkenntnis versetzte mich in eben diesen Zustand der wortwörtlich tödlichen Beleidigung. Sauer war ich auf das Leben, dass es eines Tages für mich enden würde. Aber sowas von verärgert und maßlos enttäuscht!

Ungefähr zu dieser Zeit muss sich in mir ein Gedanke, ein Antrieb fest verankert haben: Wenn dieses Leben tatsächlich irgendwann vorbei sein sollte, dann war es meine verdammte Pflicht, soviel davon wie möglich auszukosten. Ohne jede Rücksicht auf Verluste. Das Leben war dazu da gelebt zu werden. Punkt. Verschwendete Zeit? Verschwendetes Talent? Das wurden für mich und mein Weltbild die größten und wohl auch einzigen Todsünden.

Düsenantrieb und brennende Kerzen

Ein kurzer Zeitsprung: Es war ein Nachmittag im Sommer 1980, als ich allein zuhause auf dem Teppich in unserem Flur lag. Das YPS-Heft 247 war soeben erschienen und vor mir stand er, der „Formel-1-Rennwagen mit Düsenantrieb“. Durch den in eine Düse aufgesteckten Luftballon angetrieben sollte der Rennwagen raketenartig durch die Wohnung flitzen. Hier die Kurzfassung der weiteren Ereignisse: Die Düse hatte ich anscheinend nicht ganz vorschriftsmäßig angebracht. Denn als ich nun gespannt wie ein neugieriger Flitzebogen mit vor erwartungsvollem Staunen offenem Mund hinter dem Rennwagen lag und ihn starten wollte, löste sich die Düse und landete in meiner Luftröhre. Schnell wurde mir klar: Das war kein Spaß, denn ich konnte nicht mehr atmen. Was folgte, waren typische Erlebnisse, die gemeinhin als „Nahtoderfahrung“ beschrieben werden. Ich konnte mir aus der Vogelperspektive zuschauen und war erstaunlich entspannt dabei. Wie lange dies dauerte? Keine Ahnung. Jedenfalls röchelte ich irgendwann die vermaledeite Düse wieder heraus und hatte dieses Erlebnis danach für viele Jahre vergessen. Den Rennwagen habe ich mir letztes Jahr über eBay wieder zugelegt.

Das Leben in möglichst vielen seiner Facetten auszukosten, blieb weiterhin und umso mehr meine Devise. Möglichst viele Sportarten ausprobieren, möglichst viele Bücher lesen und ganz viel wissen, später ebenso im Berliner Nachtleben wie auch im Berufsleben möglichst viele Erfahrungen sammeln und lernen – das war mein (Düsen-)Antrieb. Dass dabei das „Nichts“ in Form von Pausen und Innehalten zu kurz kam, fiel mir erst auf, als ich mit Anfang dreißig ziemlich ausgebrannt war. 

„Burn the candle from both sides“ sagt man gerne dazu. Vorher, mit Mitte zwanzig, hatte ich zwar bereits angefangen mich mit Meditation zu beschäftigen, den wahren Wert des Lebens angesichts dieses seltsamen Dings namens Tod fing ich jedoch erst langsam an zu verstehen.

Irgendwann ganz sicher

Ob man Rudolf Steiner mag und seine Idee, dass die Geburt uns Liebe ermöglicht und der Tod dann die Freiheit. Ob man buddhistischen Ritualen vertraut, die einen auf den Übergang ins große Nichts vorbereiten. Oder ob man daran glaubt, dass Wiedergeburt möglich, das Paradies vorhanden, ein Nirwana existent sei – sich mit dem Tod auseinanderzusetzen kann sehr viel Gelassenheit für das eigene Leben bedeuten.

„Oh nein, ich werde sterben! Irgendwann, ganz sicher.“ Diese Erkenntnis trifft wohl jeden Menschen eines Tages. Wie wir damit umgehen, kann die Qualität unseres Lebens immens beeinflussen – in ganz verschiedene Richtungen. 

Wir können aus dem Bewusstsein über die eigene Endlichkeit in eine Schockstarre verfallen. „Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter!“ Dieses Motto kann für manche Menschen hilfreich sein. Mir selbst gefällt es gar nicht, weil es für mich sehr negativ besetzt ist und Druck erzeugt. Los, heute noch! Pack alles rein! Morgen ist’s vorbei! Allerdings ist dies meine ganz persönliche Meinung, kein Anspruch auf Wahrheit.

Mir selbst hat der Frieden, vielleicht sogar schon: die Freundschaft mit dem Tod mittlerweile eine große innere Gelassenheit geschenkt. Auch daher freue ich mich, dass mir kleine Teile dieser Freiheit, die der Tod mit sich bringen mag, heute schon im Alltag möglich sind. Ich habe akzeptieren können, dass ich nicht jede Sportart ausprobieren und nicht jedes Buch lesen werde, das es auf der Welt gibt. Dass ich nicht alles auskosten und erfahren werde, was das Leben womöglich bieten könnte. Und das ist absolut okay. Damit konnte ich mich auch schrittweise aus „dem Land des Konjunktivs“ befreien, in dem Worte wie „könnte“, „hätte“ und „vielleicht“ vorherrschen. Auch dadurch war mir der wichtige Schritt ins Hier und Jetzt gelungen.

Das war mein Weg. Ob es der richtige ist? Wer weiß. Ob es der einzig richtige und wahre Weg ist? Keinesfalls, denn das eigene Leben ist wohl das „Subjektivste“, was es im Leben gibt.

Von Blättern und Plastiktüten

„Der Tod ist nicht das Gegenteil vom Leben.“ So ungefähr hat es Eckart Tolle sinngemäß beschrieben. „Das Gegenteil vom Tod ist die Geburt“, führt er weiter aus. Im Japanischen gibt es das Wort hagakure, das übersetzt „gefallenes Laub“ bedeutet. Mit dieser Einstellung, sich selbst als bereits gefallenes Blattwerk zu betrachten, gingen früher die Samurai, die japanischen Ritter, in die Schlacht. „Habe keine Angst vor dem Tod, dann hast du auch keine Furcht vor dem Sterben.“ Was durchaus sehr martialisch klingt, enthält für mich selbst jedoch viel Wahrheit. Wer sich sein Leben lang vor dem Tod fürchtet, läuft Gefahr, darüber auch das Leben zu vergessen. Wie das Kaninchen vor der tödlichen Schlange: Na, kommt er heute, dieser Tod? Oder morgen? Herrje! Und schon ist es vorbei, das Leben.

Die Freiheit durch den Tod, wie Steiner sie vielleicht gemeint hat, kann man sich nach meinem Verständnis bereits zu Lebzeiten selbst schenken. Hier kommt ein Begriff ins Spiel, der recht inflationär Verwendung findet: das Loslassen. Und damit gibt es auch den Brückenschlag zu The School of Nothing. Wenn man keine Angst hat etwas zu verlieren, kann einem der Tod nichts nehmen. Ob es sich dabei um Statussymbole handelt, um liebgewonnene Dinge oder Menschen: Die Sorge, etwas davon zu verlieren – durch Diebstahl, Krankheit oder eben den Tod –, treibt viele Menschen fast schon in den Wahnsinn.

Es gibt eine sehr schöne Übung von Ron Smothermon, die auch in meinem Buch „Impulse zur eigenen Veränderung“ beschrieben wird: Dabei packt man alle materiellen und immateriellen Aspekte, die einen ausmachen, in eine durchsichtige Plastiktüte. Wenn man sich wirklich all dieser Gegenstände, Konstrukte und Titel entledigt, den eigenen Namen, die Berufsbezeichnung etc. in die Tüte gegeben hat – was ist dann noch übrig? Wohl dem, der versteht, dass noch etwas oder jemand bestehen bleibt, der diese Tüte von außen betrachten kann. Und ja, das können wir alle, wenn wir diese Dinge in die Plastiktüte geben und sie anschauen.

Wir müssen nicht erst auf dem Sterbebett liegen, um etwas loszulassen. Wenn man angstvoll schon zu Lebzeiten auf diesen Moment blickt, wird es sich ständig anfühlen, als wenn einem alles Lebenswerte aus den Händen gerissen wird vom Sensenmann. Leben ist Wandel, dazu gehört eben auch, dass Blätter von Bäumen fallen und als neuer Boden den Kreislauf des Lebens wieder vervollständigen.

Können Sie sich ein Blatt vorstellen, dass sich krampfhaft an den Ast krallt? „Ich lass hier nicht los, niemals!“ So ähnlich laufen manche Menschen seit dem Tag der Geburt durch ihr Leben. Mit dem sogenannten Erwachsenwerden wird dieses Festhalten meist erst richtig intensiv. Meine Visitenkarte, meine Wohnung, meine Beziehung, mein Dies und Jenes. Wer besitzt hier wen?

Es muss keineswegs dazu führen, dass man mit einem Lendentuch bekleidet irgendwo als Eremit einsam in einer Höhle hockt. Gerne, wenn das Ihre freie Wahl ist. Für mein eigenes Empfinden ist das Leben jedoch viel zu schön und reichhaltig, als dass ich ihm dauerhaft entsagen möchte. Mich beim Lesen eines Buchs wirklich freuen zu können anstatt darüber nachzudenken, welche anderen ich noch nicht gelesen habe – und womöglich verpassen werde. Mich über den Sonnenschein zu freuen statt mich zu fragen, wie viele Tage mir wohl noch bleiben mögen. Mich beim Wandern über den Weg zu freuen, der noch vor mir liegt. Ebenso über denjenigen, den ich bereits beschreiten durfte. Und dann auch noch über genau diesen Moment, in dem ich mich gerade auf der Wanderung durchs Leben befinde, ohne ihn festhalten zu wollen. Das schenkt mir viel Freiheit, Freude und Zufriedenheit. Memento mori? Von ganzem Herzen gern.

 

Was so ein Rennwagen mit Düsenantrieb alles anrichten kann. :)

Bildquelle: Andreas Steffen | WENIGER. UND MEHR.

Bildquelle: Andreas Steffen | WENIGER. UND MEHR.

Nachtrag – so hat es am Abend des 21. Februars im „now“ ausgesehen:

Bildquelle: Andreas Steffen | WENIGER. UND MEHR.

Bildquelle: Andreas Steffen | WENIGER. UND MEHR.

now – Zentrum für Achtsamkeit:
http://www.compassion.berlin


Hier geht es zu The School of Nothing:
http://www.theschoolofnothing.com

Literaturempfehlungen

  • Albrecht, Jörg (2016) Die große Kraft der kleinen Tode: Memento mori - ein vergessener Weg zu einem erfüllten Leben (Edition Aufatmen). SCM R.Brockhaus, Holzgerlingen.

  • Csíkszentmihályi, Mihály (1999) Lebe gut! Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen, 3. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart.

  • De Mello A (2007) Eine Minute Weisheit, 2. Aufl. der Neuausgabe. Freiburg im Breisgau, Herder.

  • Fechner, Gustav Theodor (1994) Das Büchlein vom Leben nach dem Tode, 2. Aufl. Reichl. St. Goar.

  • Klein, Stefan (2010) Wir alle sind Sternenstaub: Gespräche mit Wissenschaftlern über die Rätsel unserer Existenz. Fischer, Berlin.

  • Krishnamurti, Jiddu (1995) Leben ohne Illusionen, 3. Aufl. Artha, Halsach.

  • Krishnamurti, Jiddu (1997) Über die Liebe, 2. Aufl. Aquamarin, Grafing.

  • Sacks, Oliver (2015) Dankbarkeit. Rowohlt, München.

  • Smothermon R (2005) Drehbuch für Meisterschaft im Leben, 17. Aufl. J. Kamphausen, Bielefeld.

  • Steffen, Andreas (2019) Impulse zur eigenen Veränderung. Springer, Berlin/Heidelberg.
    (Ab 9. März 2019 erhältlich)

  • Tolle, Eckart (2002) Leben im Jetzt: Das Praxisbuch, 6. Aufl. Goldmann, München.          

  • Wangyal, Tenzin Rinpoche (2008) Übungen zur Nacht: Tibetische Meditationen in Schlaf und Traum. Goldmann, München.

  • Watts, Alan (2001) Zen – Stille des Geistes. Theseus, Stuttgart.

  • Watts, Alan (2003) Das Tao der Philosophie. Theseus, Stuttgart.

  • Watts, Alan (2011) Der Lauf des Wassers: Eine Einführung in den Taoismus. Knaur MensSana, München.

  • Yamamoto, Tsunetomo (2002) Hagakure: Der Weg des Samurai, 5. Aufl. Piper, München.

Andreas SteffenComment